Chatterreise 1999

vor sechs jahren tauchte ich in die welt der chats ein, neugierig, ahnungslos. war dann über die dimensionen doch recht überrascht, erwischte einen seriösen chat mit interessanten menschen. bei planung meines ersten großen autourlaubs 1999 wurde mir mehrfach gastfreundschaft auch von chattern zuteil, für die ich mich mit diesem online-bericht bedanken wollte

Monday, September 05, 2005

24.07. - 26.07.99

Die nächste Gastgeberin aus unserem Chat erwartete mich nördlich von Lüneburg in einer idyllischen Waldsiedlung eines kleinen Heidedorfes. Nun hat auch Lolli Ferien und kann meinen Überfall vertragen. Sachen packen - was hab ich nur wieder alles mitgeschleppt? - frühstücken, ausloggen,... Abfahrt 8:30; Lolli, ich komme! Sollte zwar keine Drohung sein, aber ein Achtungszeichen ist es allemal. Denn schon unser Kennenlernen im Chat hatte überraschende Formen angenommen. Irgendetwas riß mich dazu hin, zwei Fotos von mir auf sie loszulassen. Meine aktuelle Erscheinungsform muß umwerfenden Eindruck hinterlassen haben. Lolli hing sofort mit schallendem Gelächter am Telefon und drohte mir Revanche an. Die schlug dann auch heftig ein: Ich hatte das Gefühl, eine bis dahin verschollene Schwester taucht aus den Fluten auf! Format, Mimik, ohje...! Biografische und berufliche Parallelen hatten wir schon festgestellt und daß wir auf der gleichen albernen Welle reiten, war schon im Chat klar!

Den letzten Arbeitstag im Kinderhaus geradeso überstanden, ebenso geschafft und mittendrin in den Vorbereitungen zu einer Traumreise nach Island, quälte sie ihre chatgezeichnete Wohnung auf besuchsttauglich. Sorry, Lolli, ich bin zu früh, konnte nicht schlafen, war neugierig.

Die folgenden Tage fanden schnell ihren eigenen Rhythmus, eine war immer am Chat, der Rest mußte sich kümmern! Na gut, ab und zu nahmen wir uns noch Zeit zum Essen und Wein- oder Kaffeetrinken, brachten es sogar auf mehrere Ausflüge nach Hamburg/Hafen und genossen am Sonntag den Jazz-Frühschoppen auf Lollis heißgeliebtem Feuerschiff. Mein Extrawunsch, das Schiffshebewerk in Scharnebeck zu sehen, ging in Erfüllung. Aber Lolli, eines fehlt: Die blühende Lüneburger Heide such ich noch immer!

Natürlich teilten wir uns auch die Macke der Chatsucht, der Kampf um die Maus wurde heiß geführt! Ich bin ja bloß chatsüchtig, aber Lolli hat ja dazu noch den ICQ-Tick!!!
Zunächst hatte ich aber arg zu kämpfen, gegen W'98 - mir neu - und einigen lollispezifischen Eigenarten der Ordnerhierarchie und Desktopordnung. Herrliche Ergänzung: ich war am Aufräumen und bekam Software-Einsteigeranleitungen.

Wer wagt nun noch zu behaupten chatten sei und macht doof? Und ist was für verklemmte Typen? Die kennen uns nicht!

Trotz Ferienbeginn und Abreise der Heimkinder konnte sich Lolli noch nicht vom Kinderhaus lösen. So besuchten wir in Hamburg einen erkrankten Jungen, zu den Schwierigkeiten seiner Kindheit kam nun noch eine Diabetes hinzu, die eine Verlegung nach Lüdenscheidt erforderte. So hätte mir Lolli noch vieles über die Schicksale ihrer Schutzbefohlenen erzählen können, mitten in unserem so reichen und ach so zivilisierten Land noch so viel Traurigkeit, besonders für Kinder. Gut, daß es Menschen wie Lolli und ihre Mitarbeiter gibt, die sich so engagieren, diesen Kindern Wärme, Geborgenheit und Zuwendung zu geben.

Sonntag, immerhin fast ausgeschlafen - zumindest nach Ansicht meiner Bandscheiben. Lolli, hart schlafen ist ja gesund, muß aber Futon in Folter ausarten? Beim nächsten Besuch kriege ich den Balkon mit der Matratze!
Die wahren Chatter haben noch eine Antenne für die schönen Seiten des Lebens: Nochmaliger Besuch des Hamburger Hafens und voller Genuß beim Frühschoppen, Chicago-Jazz auf dem Feuerschiff. Es störte niemanden, daß der Frühschoppen bis 15:00 ging. Nur meine Touriplanung wurden wankelmütig. Ich habe immer noch keine blühende Heide gesehen.
Montag vormittag - das muß man uns lassen, das gemütliche Frühstück auf der Loggia mit Ausblick auf üppiges Baumwipfelgrün war schon Gesetz und ohne Kaffee geht gar nix! Wenn schon keine blühende Heide mehr, dann wenigstens ein technisches Wunder, das Schiffshebewerk Scharnebeck.



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